Ein Leipziger Spaziergang Ankunft in Leipzig Ich kam im Herbst 1995 als „Wessie“ nach Leipzig, allein schon die Anreise in die Innenstadt war ein einziges Chaos. Die Verbindungsstrasse zwischen Neuer Messe und der Innenstadt wurde neu gebaut, irgendwann befand ich mich in einer riesigen Baustelle und einem Stau, der mir eine zweistündige Verspätung einbrockte. Mein Chef, ein gebürtiger Leipziger, zeigte Verständnis und meinte, um nach Gohlis zu kommen sollte ich nicht die Strecke über Wiederitzsch und Eutritzsch nehmen, sondern die über Lindenthal. Nun denn, dachte ich mir, als gebürtige Badenerin wirst du dich an die weichen b’s und d’s in Sachsen schnell gewöhnen, aber das mit dem sch… , das musst du erst noch lernen. Nach zwei Wochen hatte ich mich schon etwas eingelebt, kannte mich in der Innenstadt aus, dann musste drei Monate nach Hamburg und stand zu Jahresanfang 1996 am späten Nachmittag im Dunkeln wieder an der Ecke Grimmaische Straße / Neumarkt, suchte den Kaufhof und kam zum Urteil, du stehst zur Zeit in einer anderen, dir wieder unbekannt gewordenen Stadt. Nach längerem Umherirren fand ich den Grund heraus. Das gesamte Areal des Zentralmessepalastes bestand nur noch aus zwei eingerüsteten Fassaden und einem riesigen, von den Gebäuden der Mädler-Passage umgebenen Loch. Das Gesicht dieses zentralen Orientierungspunktes in der Leipziger Innenstadt hatte sich komplett verändert. Auf dem Rückweg fand ich dann auch in die Hainstrasse. Diese Strasse glich zum damaligen Zeitpunkt einem dunklen, aus Baugerüsten und Bauplanen zusammengesetzten Tunnel. In den seltenen Fällen, in denen man einen Blick durch die dichten Planen werfen konnte, schaute man in gähnende Löcher, ganze Gebäudekomplexe wurden unter Beibehaltung der historischen Fassaden neu errichtet. In dem vornehmen Stadtteil Gohlis wechselten sich komplett neu renovierte Straßenzeilen mit Bausubstanz im tristen Vorwende- Zustand ab, auf der grünen Wiesen entstanden komplett neue Wohnviertel. Ei verbibsch…, dachte ich mir, du hast jetzt schon zwei Jahre in Mecklenburg-Vorpommern und zwei Jahre in Berlin gelebt, aber was du hier erlebst, ist etwas Besonderes. Woran liegt es, dass so viel Geld in diese Stadt fließt ? Was lässt die Investoren so fest an die Zukunft dieser Stadt glauben ? Ich begab mich daher auf die Suche nach der Geschichte dieser Stadt und erlebte schon wieder eine Besonderheit. Die Auswahl antiquarischer Bücher zur Geschichte der Stadt Leipzig war - zumindest aus Sicht des Laien gesehen - größer als die Auswahl der Bücher neueren Datums und wenn Fragen offen blieben, konnte ich meinen Chef fragen. Sein Wissen über Leipzig und das Leipziger Umland schien unerschöpflich zu sein. Ich begriff, der Leipziger war und ist immer noch stolz auf seine Stadt, er liebt sie von ganzem Herzen und ….er streitet sich gerne mit einem Dresdener darüber, welche der beiden Städte die größere Bedeutung besitzt. Eine Frage aus der man sich übrigens als Nicht-Sachse heraushalten sollte, sie kann meiner Meinung nach auch nicht eindeutig entschieden werden. So hat mich dann mein Chef und Lutz Heydick mit seinem 1990 erschienen Buch „Leipzig, historischer Führer zu Stadt und Land“ auf der Spurensuche in der Leipziger Innenstadt begleitet. Auf Anraten meines Lieblings- Antiquars hinter der Nikolaikirche kaufte ich mir das Buch von Hermann Walter mit Bildern von Leipzig aus den Jahren 1862-1909, erstöberte mir zusätzlich etwa 1 Meter Regallänge antiquarische Literatur zu Leipzigs Geschichte und Baugeschichte und komplettierte die Sammlung erst 2000/2001 mit zwei Neuerscheinungen aus dem Wartburg Verlag zur Geschichte und Chronik der Stadt Leipzig. Die 1 Meter Regallänge wartet nun auf bessere Zeiten, in denen ich mehr Zeit habe, aber Bücher sind geduldig. Insofern stellt meine kleine Stadtführung nur einen ersten, noch nicht abgeschlossenen Versuch dar, diesen Quadratkilometer „Innenstadt Leipzig“ zu begreifen. Wie hat man sich als Leipziger vor der Wende wohl gefühlt ? In den sieben Jahren, in welchen ich in den neuen Bundesländern leben durfte, war ich um diejenigen Momente dankbar, in denen Bürger der ehemaligen DDR ins Erzählen kamen: …von der Situation vor und während der Wende. Solche Momente waren selten genug, man musste ganz still sein und nur zuhören. Diese Momente hüte ich in meinen Erinnerungen wie kostbare Schätze. Sei es der junger Mann, der während einer Führung durch die Nikolaikirche ins Erzählen kam über seine Erlebnisse in dieser Kirche während der Friedensgebete, sei es die Besitzerin eines bekannten Weinkellers in Freyburg über ihre Erlebnisse zur Zeiten der Wende. Auch Bücher wurden veröffentlicht. Ein Buch welches mich besonders beeindruckt hat, ist das Buch „Verfall einer Zeit, Beispiel Leipzig“ von Werner Heiduczek, Gerhard Hopf und Falk Brunner, es ist 1992 erschienen. Um das heutige Leipzig verstehen zu können sollte man den folgenden Abschnitt des Buches lesen: Schön wie nie „Ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die Tat, ein Anderes das Bild der Tat.“ Ich habe den irrwitzigen Verdacht, der Dichter-Philosoph, der da in Röckens Erde ruht (Anm: damit ist Nietzsche gemeint), besaß das Zweite Gesicht und hat diesen Satz einzig und allein für Leipzig-Grünau gesprochen. Aber Leipzigs Stadtväter, gewohnt zu gehorchen und berauscht von dem Beschluss des VIII. Parteitages im Jahre 1971, das Wohnungs- problem bis zum Jahre 1990 ein für allemal gelöst zu haben, handelten nach der Devise: Noch immer haben die Weisen gesagt, wie es gemacht werden muss, und die Toren haben dasselbe gemacht, nämlich das Gegenteil. Einige Zahlen: 1939 zählte Leipzig 702.155 Einwohner, denen standen ca. 255.000 Wohnungen zur Verfügung. 1945 war die Einwohnerzahl Leipzigs infolge des Zweiten Weltkrieges auf 584.593 zurückgegangen. Von den Wohnungen waren circa 40.000 völlig zerstört, 14.000 mittelschwer und 66.000 leicht beschädigt. 1991 meldete der statistische Quartalsbericht für Februar 509.045 Einwohner, gegenüber 1939 eine Schrumpfung um 200.000. Und obwohl Grünau mit etwa 36.000 Wohneinheiten hinzugekommen ist, fehlen der Stadt derzeit 13.600 Wohnungen und weitere 14.000 stehen kurz vor dem völligen Ruin. Sag mir, wo die Häuser sind, wo sind sie geblieben ? Experten haben errechnet, dass in Leipzig während der Jahre nach 1945 mehr Häuser dem Verfall preisgegeben worden sind, als im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Derselbe Oberbürgermeister allerdings, der am 1.6.1976 die Grundsteinlegung für Grünau (Bild 1) vollzieht, schreibt 1984 in den „Beiträgen zur Stadtgeschichte“ Band 3: „Schöner als je zuvor in seiner wechselvollen Geschichte bietet sich Leipzig unserer Tage den Einwohnern und Gästen dar, eine liebenswerte und sozialistische Großstadt.... Nie zuvor in ihrer mehr als 800-jährigen Geschichte hat die Stadt Leipzig im Zeitraum eines halben Menschenlebens so gewaltige Veränderungen erlebt wie in unserer Zeit.“ Im gleichen Jahr wendet sich eine bekannte Malerin an das Stadtoberhaupt: Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister ! In den Zeitungen lese ich -fast täglich- dass Leipzig immer schöner wird. Auch zu der Behauptung “schön wie nie“ verstieg man sich schon. Ich erlebe und sehe dagegen rund um mich her Verfall und Zerstörung. In der Stadt allgemein und in meiner engeren Wohnung speziell. Seit 38 Jahren wohne ich in dieser Stadt und seit 23 Jahren in einem einst prächtigen Haus der Gründerzeit in der Hauptmannstr.1, Ecke Lassallestraße. Ich sehe und erlebe in diesem Haus, wie es von Tag zu Tag verkommt und verfällt… Es ist jedoch nicht das Haus allein. Vor unseren Fenstern liegt der Clara-Zetkin-Park. Auch dessen Zerstörung habe ich stets vor Augen…, es wäre unendlich viel noch vorzubringen. Ich erinnere z.B. an die Misere der Museen in Leipzig-einer Kulturstadt!...(Bild 2)“ In dem Buch wird weiterhin der Satz geprägt: Zuerst zerstören die Menschen die Häuser, dann zerstören die Ruinen die Menschen (Bild 3). Offensichtlich haben sich viele Leipziger 1989 entschieden, sich von Ruinen nicht zerstören zu lassen Die Entwicklung des Stadtbildes 1990 bis 2000 Niels Gormsen und der Fotograf Armin Kühne haben mit der Veröffentlichung des Buches „Leipzig, den Wandel zeigen“ den Wandel des Stadtbildes nach der Wende sehr sorgfältig dokumentiert. Sie schreiben, dass in den Jahren 1992 bis 1997 circa 18.000 Baugenehmigungen (dass sind 12 Genehmigungen pro Arbeitstag) erteilt wurden. 31.800 neue Wohneinheiten und 1,6 Mio qm Büroflächen wurden geschaffen. In der Kaiserzeit wurde so gut und solide gebaut, dass die Häuser größtenteils eine fünfzigjährige Vernachlässigung während des Krieges und in DDR-Zeiten überstanden haben. Bereinigungen der gründerzeitlichen Fassaden, welche in Westdeutschland während des Wiederaufbaus nach dem Kriege vielfach als zu protzig und kitschig empfunden wurden, fanden in Leipzig kaum statt. So besitzt Leipzig mittlerweile den größten, geschlossenen Bestand an gründerzeitlichen Häusern. Dennoch waren im Jahr 2000 von den etwa 110.000 Wohnungen aus der Gründerzeit, etwa ein Drittel noch nicht instand gesetzt. Die Entwicklung des Stadtbildes 1893 bis 1920 Mit der Industrialisierung und zunehmenden Technisierung der Produktion konnten Waren in stets gleicher Qualität hergestellt werden. Dies führt auch in Leipzig zu einer tiefgreifenden Veränderung im Messewesen. Der Käufer brauchte sich nicht mehr von der Qualität des gesamten Warenbestandes zu überzeugen, sondern nur noch von der Qualität des Musters. Es entstand der Begriff der Mustermesse, das doppelte M ist immer noch das Symbol für die Leipziger Messe. Diese Muster wurden in schönen, neuen Ausstellungshäusern in der Innenstadt präsentiert, in welchen man -vor Wind und Wetter geschützt- die Muster besichtigen und Kaufverträge schließen konnte. 1893 bis 1920 wurden hierzu ganze Straßenviertel abgerissen. Es entstanden 62, teilweise sehr großzügige Messehäuser, von diesen sind etwa 20 bis heute noch erhalten geblieben. Die bekanntesten sind das Städtische Kaufhaus, der Zentralmessepalast, Specks Hof und die Mädler-Passage. Viel alte Bausubstanz des Barock und der Renaissance wurde damals dem wirtschaftlichen Aufschwung geopfert und der Laie hat heutzutage Schwierigkeiten zwischen Barock und Neobarock, zwischen Renaissance und Neorenaissance zu unterscheiden. Diese Umwälzungen im Stadtbild wurden durch den Fotografen Hermann Walter dokumentiert, der zwischen 1862 und 1909 Abriss und Neuaufbau mit der damals noch neuen Technik festgehalten hat. 1988 hat der VEB Fotokinoverlag eine Sammlung dieser Bilder herausgegeben, das Buch findet man ab und zu noch in den Antiquariaten. Rundgang Standort 1 = Müller-Denkmal (Bild 4) Mein Rundgang beginnt in dem gegenüber dem Hauptbahnhof gelegenen Park. In dessen Mitte steht das im klassizistischen Stil errichtete Denkmal von Carl Wilhelm Müller (1728-1801, von 1778 bis 1801 Bürger- meister der Stadt). Von hier aus kann man den 1902 bis 1915 erbauten Leipziger Hauptbahnhof (Bild 5) in seiner gesamten Länge ( circa 300m) überblicken. Er ist der größte Kopfbahnhof Europas (früher 26, nach dem Umbau von 1995-1998 nur noch 24 Gleise). Die zwei Eingangshallen erinnern daran, dass der Bahnhof bis 1936 eine geteilte, nämlich eine preußische und eine sächsische Verwaltung hatte. 1998 wurde das Einkaufscenter eingeweiht, 20.000 qm Verkaufsflächen mit bis zu 130 Einrichtungen wurden neu geschaffen. Die Ausschachtungsarbeiten waren gigantisch (Bild 6) und ich habe in dieser Zeit ein paar mal meinen Zug verpasst, da man von der sächsischen Seite kommend, mit zwei Koffern in der Hand bis zum preußischen Teil sprinten musste, um anschließend das auf Höhe des sächsischen Teils gelegene Gleis betreten zu können. Schön restauriert sind auch die alten Wartehallen im linken Flügel des Gebäudes. Rechts vom Bahnhof sieht man ein Wohnhochhaus, darauf das Symbol der Leipziger Messe, das Doppel-M. Rundgang Standort 2 = Brühl In Richtung Innenstadt stand früher das Hotel „Stadt Leipzig“ (Bild 7) ein Hotelneubau aus den Siebzigerjahren. Dieser wurde mittlerweile abgebrochen und durch den Baukomplex „Forum am Brühl“ ersetzt, welcher zwei Hotels, Wohnungen, Läden und viele Büros beherbergt. Durch den neugeschaffenen Durchgang geht es zum Brühl. Frühe Stadtgeschichte: Kenntnisse zur frühen Geschichte der Stadt verdankt Leipzig den schweren Bombenangriffen aus dem Jahr 1943/44. Etwa 50% des Bestandes im Innenstadtbereich wurde zerstört oder schwer beschädigt. Auf den nieder- gebombten Flächen wurden 1950-1956 Stadtkernforschungen betrieben, jetzt in den 90iger Jahren konnten die Erkenntnisse durch den Neubau der Tiefgarage unter der Pleißenburg (Tiefgarage am Neuen Rathaus), sowie durch den Neubau des Museums auf dem Sachsenplatz (Katharinenstraße) erweitert werden. Leipzig liegt hochwassersicher auf einem Hochufer, umgeben von den Flüssen Parthe, Pleiße und Elster. Seit dem 7./8. Jahrhundert kann slawische Besiedlung nachgewiesen werden. Der Name Leipzig kommt aus dem Slawischen (Lipa = unter den Linden). Im 10. Jahrhundert wird hier als Keimzelle der Stadt eine Burg gegründet, welche 1015 erstmals urkundlich erwähnt wird. 1165 erfolgt die Stadtrechtsverleihung durch den sächsischen Markgrafen Otto den Reichen (sein Name rührt von den Silberfunden im Erzgebirge). Mit der Stadtgründung sollte eine weitere Ausdehnung lehnsherrlicher Ansprüche des Merseburger Bistums verhindert werden, zudem liegt der Ort ideal zwischen den Besitztümern des Markgrafen. Leipzig befindet sich damals in der Ostmark, hinter den vorgeschobenen Marken Lausitz und Meißen. Im Vergleich zu den umliegenden Städten erfolgt jedoch die Stadtgründung erst spät: Zeitz = wird 850 gegründet, wird 968 Bischofsitz, muss aber aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen 1028 nach Naumburg verlegt werden Merseburg = wird 850 gegründet, wird 933 Königspfalz und 968 Bischofssitz Meissen = wird 928 als Burg Misni gegründet , wird 968 Bischofssitz Leipzig ist jedoch älter als Dresden (Vorsicht bei Erwähnung dieser Tatsache gegenüber einem Dresdener). Dresden findet erst 1216 erste Erwähnung , 1485 verlegen die Wettiner ihre Residenz von Meißen nach Dresden. Mit der Stadtrechtsverleihung wird in einem Umkreis von 15 km eine städtische Rechtszone gebildet, 27 Dörfer außerhalb der Stadtbefestigung sind davon betroffen. Diese Dörfer haben Marktrecht in der Stadt, genießen Zollfreiheit, müssen dafür aber Brücken- und Wegebaudienste leisten. Leipzig liegt am Wegekreuz zweier wichtiger Handels-Strassen und zwar der * Via Regia (Holland: Tuch, Bücher; Russland: Felle Metalle) * Via Imperii (Norden: Fisch, Felle; Süden: Wein, Gewürze, Seide) Der Straßennahme Brühl kommt aus dem slawischen und heißt = Sumpf). Im 13. Jahrhundert betrat man im Westen Leipzig durch das Ranstädter Tor, querte den Eselsmarkt und kam auf den Brühl. Am östlichen „Orts- ausgang“ des Brühls lag die Burg der Stadtvögte von Schkeuditz. Die Stadtvögte von Schkeuditz nahmen bis ins 13.Jahrhundert die Gerichtsbarkeit im Auftrage der Wettiner war, starben jedoch 1278 aus. Danach wurde diese Aufgabe durch einen Amtmann (Beamter der Wettiner) übernommen. Die Stadtgeschäfte hingegen lagen in der Hand des Bürgermeisters und der Räte (Consules). Die Grünanlagen und der Stadtring (Tröndlinring, Willy-Brandt-Platz, Georgi-Ring) markieren in etwa die alten Befestigungsanlagen, dahinter (auf Höhe des Hauptbahnhofes) lag die Parthe und sumpfiges Gelände. Hier betrieben die Gerber ihr Gewerbe. Auf dem Gelände konnten eine Lohmühle und Gerberkanäle nachgewiesen werden. Der Brühl stellte vor dem 2.Weltkrieg eine der wichtigsten Geschäftsstrassen Leipzigs dar (Bild 8). Vor allem das Pelzgewerbe war hier beheimatet, vor 1933 hatten dort über 700 Firmen ihren Sitz, sie waren meist in jüdischem Besitz. Heutzutage befinden sich hier Hotels, Banken und Bürogebäude. Rundgang Standort 3 = Nikolaiviertel Über die Nikolaistrasse (Bild 9) betritt man das alte Viertel der Kaufleute, das Nikolaiviertel. Sankt Nikoalus gilt als Schutzheiliger der Kaufleute und der Reisenden. Auch in dieser Straße befinden sich viele ehemalige Pelzhäuser so z.B.: Steibs Hof (Bild 10): 1907 von dem Leipziger Baumeister Felix Steib errichtet. Zunächst als Messepalast konzipiert, diente es schließlich doch dem Pelzhandel. Die Hausfassade verfügt über eine prächtige Mittelachse mit neobarockem Sandsteindekor. Die plastischen Arbeiten stehen unter dem Motto Handel und Industrie (Merkurkopf, Putti mit Handelsschiff und Hammer, auf dem Dach Weltkugel, im 2.Obergeschoss die Inschrift „Labor convincit mundum= Arbeit überwindet die Welt“). Die leichten Metallfensterkonstruktionen der erkerartig vorspringenden Fenster stehen im ausgeprägten Kontrast zur prächtigen Mittelachse. Das Haus wurde durch die Stuttgarter Architekten Heinle, Wischer und Partner saniert, die beiden Innenhöfe sind weiß mit blauen Gliederungen gefliest und enthalten viele interessante, technische Details. Selters Haus (Bild 11): wurde 1907/1908 für den Rauchwarenhändler Alfred Selter erbaut. Die grün geflieste Fassade zieren Tierplastiken (ein allgemeines Kennzeichen für die Geschäftshäuser der Leipziger Pelzhändler). Die Fassaden des Innenhofes sind mit blauen Fliesen verkleidet. Dies diente zur künstlichen Erzeugung „kalten“ Nordlichts, das die Tierfelle benötigten, um ihre Geschmeidigkeit und Qualität zu bewahren. Oelsners Hof (Bild 12): wurde 1914 im neobarocken Stil für den Kommerzienrat Wilhelm Oelßner erbaut. Die langgestreckte Hofanlage diente dem Pelzhandel und harrt immer noch der Sanierung. Die beiden kunst- geschmiedeten Tore stellen bemerkenswerte Handwerksarbeiten dieser Zeit dar. Hermann Walter hat viele alte Innenhöfe vor ihrem Umbau fotografisch festgehalten. So z.B. den Innenhof in der Nikolaistrasse 29 vor dem Bau des Zeppelinhauses im Jahre 1911 (Bild 13). Entwicklung der Handelsstadt im Mittelalter 1458 erhielt die Stadt durch den Kurfürsten Friedrich II. das Privileg neben den Messen zu Ostern und Michaeli eine dritte Messe zu Neujahr durchzuführen. 1466 wurde der Stadt das Stapelrecht verliehen, dies bedeutete, dass Fernhändler ihre Waren auf dem Leipziger Markt anbieten mussten. 1497 erhob Kaiser Maximilian I die Leipziger Messe zur Reichsmesse und 1507 wurde durch den Kaiser das Stapelrechts auf 112 km ausgeweitet. Hiervon waren die Städte Halle, Erfurt und Merseburg betroffen. Handelshäuser aus Nürnberg und Augsburg machten Leipzig zu ihrem zentralen Umschlagplatz im Handel mit dem Hanseraum und Osteuropa (Faktoreien der Welser und der Fugger). Die Einwohnerzahl erhöhte sich sprunghaft, ebenso auch die Anzahl der Zünfte, die Stadt hatte einen ernormen Bedarf an Baumaterialien. Hierzu einmal beispielhaft die Zahlen: Entwicklung Einwohner 1300 = 3000 Einwohner 1480 = 6500 Einwohner Entwicklung Zünfte 1288 = Weber, Bäcker, Tuchmacher (Eigenversorgung) 1339 = Gerber, Schuhmacher 1480 = insgesamt 29 Zünfte, diese dienen nicht mehr nur Eigenversorgung, es erfolgt auch eine zunehmende Spezialisierung Baubedarf 400.000 Mauerziegel, 200.000 Dachsteine im Jahr 1470 Silberfund im Erzgebirge Leipziger Kaufleute hatten sich frühzeitig Berganteile gesichert. Mit dem sich entwickelnden Bergbau, floss nun reichlich Geld aus Freiberger Silber, aus Altenberger Zinn und Mansfelder Kupfer in die Stadt -> dieser Reichtum begründet den spätgotischen Bauboom und die reiche Renaissance-Architektur. Nikolai- und Thomaskirche Im letzten Drittel der Nikolaistrasse stehen wir vor der Nikolaikirche, eine Gelegenheit etwas über die beiden bedeutendsten Kirchen Leipzigs zu erfahren: Die Nikolaikiche (Bild 14, ein Bild von 1906, Steibs Hof wird gerade errichtet) wurde 1150 als Kirche der Kaufleute gegründet, die Westfront ist noch romanischen Ursprungs. 1513 - 1520 erhielt sie jedoch als letzte der sächsischen Kirchen einen spätgotischen Umbau (Annaberg, Freiberg, Schneeberg haben den gleichen Kirchentyp). 1511 wurde die Nikolai-Schule gegründet (Bild 15), die Leipziger Kaufleute hatten damit ihre eigene Schule. 1568 erfolgte der Umbau der Schule im Stil der Renaissance, 1738 wurde das Eckhaus zur Nikolaistrasse eingegliedert. Wenn man genau hinschaut, sieht man auch heute noch, dass die Schule eigentlich aus zwei Häusern besteht. Nach 1872 diente die Schule als Polizeiwache, später wieder der Universität. Berühmte Schüler waren: G.W.Leibniz, G.Seume und Richard Wagner. Nach der Wende hat die Stadt Leipzig das Gebäude der Kulturstiftung Leipzig, einer Bürgerinitiative übertragen. Mit Hilfe einer Stiftung der Stadt Franfurt/Main von neun Millionen DM und weiteren privaten Spenden konnte das Gebäude gründlich renoviert werden. Daneben steht das 1887 im Stil der Neorenaissance erbaute, stattliche Pfarrhaus, auch Predigerhaus genannt. (Bild 16) . Zum Gedenken an die Friedensgebete wurde auf dem Nikolaihof am 09.10.1999 eine Nachbildung einer Säule aus der Nikolaikirche aufgestellt. Die Säule symbolisiert Frieden und Gewaltlosigkeit und erinnert daran, dass 1989 die Menschen aus der Kirche heraus an die Öffentlichkeit gingen. Mir läuft heute noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich den jungen Mann von den Verhaftungen reden höre. Den Roman Nikolaikirche von Erich Loest kann ich nur zur Lektüre empfehlen. Als ich aus Leipzig verabschiedet wurde wünschte ich mir von meinem Chef ein Buch, welches ich als „Wessie“ seiner Meinung nach unbedingt lesen sollte, ich bekam „Als wir in den Westen kamen“ des gleichen Autors. Die Nikolaikirche wurde 1784-97 im Innenbereich klassizistisch umgebaut. Als die Geistlichkeit im Beisein des Leipziger Bürgermeisters die neue Kirche in Augenschein nahm, soll allgemeines Kopfschütteln geherrscht haben, was in dem Ausspruch gipfelte: “Ein schönes Schauspielhaus!“. Der Bürgermeister reagierte gelassen: „Nur schade, dass die Akteurs nicht besser sind.“ Die unmodern gewordenen Gemälde wurden auf den Boden geschleppt und der Türmer baute sich aus den zwei großen, von den beiden Cranachs und ihrer Schule sowie dem Leipziger Maler Georg Lemberger bemalten Holztafeln einen Taubenschlag. 1815 wurden die Bilder wiederentdeckt und sind heute im Stadtgeschichtlichen Museum zu besichtigen. Das „moderne“ Altarbild stammt übrigens von Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Kunstakademie und Zeichenlehrer von Goethe. Er ist der Vater von Friederike Oeser, näheres hierzu am Denkmal von Goethe auf dem Naschmarkt. Die Thomaskirche wurde 1218, als Kirche des 1212 gegründeten Augustiner-Chorherrenstiftes St Thomas geweiht. Die Augustiner wurden als Hausorden der Wettiner durch reiche Schenkungen der bedeutendste Grundbesitzer innerhalb, wie auch außerhalb der Tore der Stadt. 1482 bis 1492 wurde die Kirche spätgotisch umgebaut. Das Dach gehört mit 63 Grad Neigungswinkel zu den steilsten Kirchendächern Deutschlands. 1254 wurde die Stiftsschule als erste bedeutende Schule während des Mittelalters gegründet. Reformation = 1517 Luther schlägt seine Thesen an die Wittenberger Kirche, 1519 führt er in Leipzig mit Herzog Georg eine Disputation durch, Herzog Georg wird danach entschiedener Gegner der Reformation. Erst nach seinem Tode führt Herzog Heinrich 1539 die Reformation ein, Luther predigt in der Thomaskirche, das kirchliche Aufsichtsrecht wechselt von der Thomaskirche zur Nikolaikirche, der Grundbesitz des Thomasklosters geht an die Universität, die Universität wird damit größter Grundbesitzer in der Stadt. Das Predigerhaus (Pfarrhaus der Nikolaikirche) wurde zwischen 1886 und 1887 im Stil der Neurenaissance erbaut. Die Erker und Türmchen bestehen wie die historischen Vorbilder der Renaissance aus Rochlitzer Porphyr, einem roten Tuffgestein vulkanischer Herkunft. Ursprünglich wies die Fassade eine bedeutende Architekturmalerei des Münchner Ornamentmalers Otto Hupp auf und Stadtdenkmalpflege und Kirche stritten sich während der Renovierung 1990 darüber, ob man die Kosten zur Wiederherstellung (ca. 600.000 DM) aufbringen sollte. Offensichtlich hat sich die Kirche bislang durchgesetzt, die das Geld lieber für dringendere Aufgaben ausgeben wollte. In der Verlängerung Predigerhaus, Nikolaischule schaut man auf einen Neubau aus den achtziger Jahren. Dort stand einmal der 1655 im Stil der Spätrenaissance erbaute Deutrichs Hof. Er war das erste, größere, nach den Zerstörungen des dreißigjährigen Krieges wieder neu aufgebaute Bürgerhaus. Nach dem zweiten Weltkrieg war er weitestgehend unversehrt (siehe Archivbild Nr. 17 von 1957), wurde aber 1968 unter Konservierung von Teilen der Fassaden abgerissen. Im gleichen Jahr wurde auch die vom Krieg verschont gebliebene Universitätskirche (Paulinerkirche) gesprengt, um dem Neubau des Universitätsgebäudes Platz zu machen. In Gesprächen mit meinem Chef habe ich bemerkt, dass dies immer noch die Seele des Leipzigers tief berührt. Mittlerweile hat man mit Stahlträgern die Umrisse der Kirche vor dem Universitätsgebäude kenntlich gemacht und ich füge zu diesem wichtigen Punkt Leipziger Befindlichkeiten gerne ein Originalzitat aus meinem Lieblings-Stadtführer hinzu: Notstandsübung (Zu Fuß durch Leipzig, Forum Verlag Leipzig) Bereits eine Woche nach Beschlussfassung über den umfassenden Aufbau des Stadtzentrums im allgemeinen und der Gestaltung der Westseite des Karl-Marx-Platzes (Anm.: heute wieder Augustusplatz) im besonderen, erfolgte die Sprengung der Universitätskirche am 30.05.1968. In allen Zeitungen war 10:00 Uhr als Termin der Sprengung angegeben worden. Bezeichnenderweise sprach man aber nie von der Sprengung einer oder dieser Kirche, sondern gebrauchte stets die Phrase: Abtragung von Altsubstanz. Nur wenige Stellen boten durch umfangreiche Absperrungen die Möglichkeit, Augenzeuge dieses barbarischen Aktes zu sein. Besonders an zwei Punkten konzentrierte sich die unüberschaubare Menschenmenge: am Johannisplatz und in der Ritterstraße. Seit 9:00 Uhr schon kamen die Menschen, teils mit Fotoapparaten und Filmkameras. Die Polizei bildete Absperrketten, um die vorwärtsdrängenden Menschenmassen zurückzuhalten. Als einzelne, sich den Befehlen der Polizei widersetzende Bürger festgenommen wurden, ertönten Buh-Rufe und Pfiffe aus der vibrierenden Menge. Für einen großen Teil der Bevölkerung war nicht die Sprengung Anlass ihrer Willenskundgebung, sondern viel mehr die Art und Weise des Vorgehens der Bereitschaftspolizei und des Staatssicherheitsdienstes. Die ganze Situation war vergleichbar einer Notstandsübung. Noch am selben Tag wurden circa 1.500 Reservisten aus Leipziger Betrieben eingezogen und in Bereitschaft gehalten, um bei eventuell beginnenden Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerung und dem Staatsicherheitsapparat eingreifen zu können.(Clemens Rosner (Hg.): Die Universitätskirche zu Leipzig, Forum Verlag Leipzig 1992) Rundgang Standort 4 = Specks Hof, Wechsel von der Warenmesse zur Mustermesse aufgrund Industrialisierung Die Hintergründe zum Wechsel von der Warenmesse zur Mustermesse habe ich bereits zu Beginn meiner Stadt- führung erläutert. Da wir nun zunehmend in das Stadtzentrums Leipzig vordringen stehen wir nun auch den ersten Vertretern der großen Messehäuser der 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts gegenüber. Direkt neben der Nikolaikirche steht als erstes Exemplar: Specks Hof (Bild Nr.18), dieser ehemalige Messepalast hat seinen Namen vom Vorgängerbau übernommen, dessen Besitzer die Familie Speck von Sternburg war. Der Kaufmann Speck von Sternburg, ein Schaf- und Wollhändler , erwarb sein Vermögen während der Zeit der Kontinentalsperre im Napoleonischen Krieg. Mit der Einfuhr spanischer Merinoschafe machte er die sächsische Wollproduktion unabhängig von englischen Importen. Specks Hof als privater Messehausneubau des Kaufmanns Paul Schmutzler entstand in drei Bauetappen zwischen 1908 und 1928. In der Passage wechselt man von eingeschossigen, mit den ursprünglichen Kupferdecken versehenen Durchgängen zu hellen, hohen, modern gestalteten Lichthöfen. Das Haus wurde 1993 bis 1995 saniert, dabei wurde auch die ursprüngliche Dachform wiederhergestellt. Ich empfehle das Haus zuerst von außen anzuschauen, hierzu das Schuhmachergässchen bis zum Kaffeehaus Riquet zu durchqueren, über das Schuhmachergässchen zur Nikolaikirche zurückzublicken (Vergleich mit alter Aufnahme von Hermann Walter kurz vor dem Abriss des Vorgängerbaus siehe Bild Nr. 19) und dann über die Innenhöfe wieder zur Nikolaikirche zurückzukehren. Wer sich für Bücher aus Verlagen der neuen Bundesländer, Whiskey/Spirituosen, individuellen Schmuck und schöne Krawatten interessiert sollte etwas Zeit mitnehmen. Ich hoffe, die entsprechenden Geschäfte sind dort noch ansässig. Rundgang Standort 5 = Kaffeehaus Riquet An der Ecke Schuhmachergäßchen /Reichsstrasse steht das Kaffeehaus Riquet (Bild Nr. 20). Es wurde 1909 erbaut und 1996 restauriert. Bei der Restaurierung wurde das pagodenhafte, im Krieg zerstörte Türmchen (Bild Nr. 21) wieder aufgesetzt. Das Gebäude gehörte einer seit 1745 hier ansässigen, mit Orientwaren handelnden Firma. Das Angebot reichte von den verschiedensten Teesorten bis zum handgewebten Perserteppich. Die Mosaiken und Plastiken (Elefanten) dienten daher der Werbung. Der chinois geprägte Jugendstildekor setzt sich im Innern fort. Bis zur Wende wurde hier Porzellan verkauft und die Original-Ausstattung hinter einer Verschalung versteckt. Heute kann man hier wieder Kaffee und Tee trinken und im Keller auch eine Kleinigkeit essen. Daher -> erste Gelegenheit zur Pause. Ist man durch Steibs Hof wieder auf der Nikolaistrasse angelangt, geht man weiter zur Ecke Nikolaistrasse / Grimmaische Strasse. Falls sich an der Ecke noch eine Eisdiele befinden sollte, böte sich hier die zweite Gelegenheit zur Pause. Die Eisbecher waren zumindest noch bis vor 3 Jahren phantastisch. Rundgang Standort 6 = Augustusplatz An diesem Punkt kann man sich überlegen einen Abstecher zum neu gestalteten Augustusplatz zu machen, um den ehemaligen Standort der alten Paulinerkirche (Bild 22), das Gewandhaus und die Oper in Augenschein nehmen zu können. In der Goethestrasse, schräg gegenüber der Oper sieht man übrigens ein Hochhaus mit zwei Löwen über einer Uhr und zwei Glockenschlägern auf dem Dach. Es handelt sich hierbei um das Bankhaus Kroch, welches als erstes Hochhaus Leipzigs 1927/28 gebaut wurde. Eine ansonsten nicht realisierte Stadt- planung sah den Bau mehrere Hochhäuser am Cityring vor. Die Dekoration ist natürlich eine Anspielung auf den Torre dell’Orologio di San Marco in Venedig, meinem zweiten Lieblingsobjekt für Stadterkundungen. Übrigens habe ich mit dieser Hochhaus-Geschichte das erste und einzige Mal meinen Chef verblüfft, dem diese Zusammenhänge so nicht oder so nicht mehr bekannt waren. Über die Grimmaische Strasse geht es zurück zur Ecke Grimmaische Straße/Neumarkt, dem Ort meiner Verwirrung im Jahr 1996. Rundgang Standort 7 = Zentraler Messepalast Der Zentrale Messepalast (Bild 23) wurde 1912-1914 im Stil der Neo-Renaissance erbaut. Im Krieg brannte der Gebäudekomplex aus, wurde aber bald wieder in der alten Gestalt aufgebaut und diente als Messehaus bis 1991, wurde dann von dem Immobilienhändler Schneider erworben, der ihn zum Bürohaus machen wollte. Bei den Bauvorbereitungen stellte sich heraus, dass die Standsicherheit der Konstruktion durch den Brand im Krieg eingeschränkt war. Deshalb musste einer völligen Entkernung zugestimmt werden. Die schwere Steinfassade hing monatelang an einem riesigen Stahlgerüst. Dahinter wurde eine Tiefgarage, darüber alle Geschossdecken mit einem großen runden Loch für eine Glasrotunde in der Mitte eingebaut. Die geretteten Steinfassaden wurden wieder angehängt und sorgfältig restauriert, die Lücken jedoch in moderner Konstruktion aus Stahl und Glas ausgeführt. Der Umbau wurde 1999 beendet. Rundgang Standort 8 = Städtisches Kaufhaus Folgt man dem Straßenverlauf des Neumarktes steht man vor dem Städtisches Kaufhaus (Bild 24). Hier handelt es sich um den ersten zwischen 1893 bis 1901 im barockisierenden Stil erbauten Mustermessepalast. Wie heute noch bei Messen üblich, wurden Rundwege als Zwangswege auf den einzelnen Etagen angelegt, auf denen man die Muster besichtigen konnte. 1895 wurde hier bereits die erste Mustermesse durchgeführt. Für den Neubau mussten Teile des historischen Zunfthauses der Textilhändler abgebrochen werden. Seit dem 15.Jahrhundert befanden sich in diesem Zunfthaus die Messestände der Tuchhändler und der Gewandschneider. Auf dem Tuchboden des Gewandhauses feierte 1496 Herzog Georg 6 Tage lang seine Hochzeit. Ab 1781 musizierte hier das Gewandhausorchester im hauseigenen klassizistischem Konzertsaal. Auch dieser wurde im Rahmen des Neubaus abgerissen (Bild 25). Das Gebäude wurde im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1948-1956 nur teilweise wiederaufgebaut. Die oberen ruinösen Stockwerke wurden mit einer Verkleidung versehen. 1988 wurde mit einer grundlegenden Sanierung begonnen, diese konnte jedoch erst 1996 beendet werden. Die Vorher-Nachher-Bilder finde ich besonders beeindruckend. Ich empfehle folgenden kleinen Rundgang: Gewandgasse, Innenhof Städtisches Kaufhaus zur Mädler-Passage. Hinter dem Städtischen Kaufhaus in der Kupfergasse liegt übrigens das bekannte Kabarett Academixer. Im Academixer-Keller kann man versuchen, den Unterschied zwischen Köstritzer und Ur-Krostitzer Schwarzbier herauszufinden, sofern man als Nicht-Sachse beide Ortsbezeichnungen fehlerfrei über die Lippen bringt. In einer Vorstellung der Academixer habe ich mir übrigens einmal einen fast lebensgefährlichen Schluckauf zugezogen, da die Kabarettistin eine halbe Stunde lang so treffend über männliche Schwächen herzog, dass zumindest der weibliche Anteil des Publikums sich vor Lachen kaum auf den Stühlen halten konnte. Der Kollege der mich damals begleitete, war mir nicht so gut bekannt und ein Blick in die etwas versteinerte Miene desselben zwang zur Höflichkeit. Was tun, auch unter dem Stuhl liegen oder vor Höflichkeit sterben. Also,…. ich bin ziemlich langsam und fast vollends gestorben. Bei einer anderen Vorstellung im „Gohgelmohsch“ wurde ein zweiter Kollege als „Wessie“ geoutet und kurzfristig in die Vorstellung miteinbezogen. Dieser Kollege hatte mehr Humor und die Vorstellung verlief daher wesentlich entspannter. Fazit: ein Besuch in einem der Leipziger Kabaretts lohnt sich immer wieder. Mit Kollegen, die man nicht so gut kennt, sollte man jedoch lieber ins Gewandhaus und ins klassische Konzert gehen. Rundgang Standort 9 = Mädler-Passage Die Mädler-Passage wurde 1912-14 auf Grundlage der Entwürfe von Theodor Kösser für den Koffer- und Lederwarenfabrikanten Anton Mädler errichtet.. Sie gilt noch heute als die bedeutendste Anlage dieser Art in Deutschland. Die Sanierung wurde 1990 von Dr.Jürgen Schneider begonnen und aus bekannten Gründen von ihm nicht zu Ende geführt. Zu den Schneider-Immobilien gehörten übrigens auch Barthels Hof und das Romanus-Haus. Der Vorgängerbau der Mädler-Passage war Auerbachs Hof, ein Handels- und Durchgangshof der Renaissance, 1530-1538 erbaut und 1635 noch einmal umgebaut. Auerbachs Hof zählte damals zu den berühmtesten Handelshöfen der Stadt, in dessen 70 Gewölben mit Juwelen, Spitzen, Galanteriewaren und Seide gehandelt wurde. Im Erdgeschoss befanden sich weiterhin Ställe und Remisen, im Obergeschoss die Kontore, Wohnräume und Festsäle, im Dachgeschoss das Warenlager. Die schwer beladenen Handelswagen konnten den Handelshof aufgrund der durchgehenden Innenhöfe ohne Wenden befahren, das unerlaubte Betreten der Höfe galt damals jedoch als Hausfriedensbruch (Bild Nr.26). Eine Vorstellung vom alten Auerbachs Hof kann man sich in Barthels Hof machen. Beim Umbau zur Mädler-Passage blieb nur noch Auerbachs Keller erhalten. Der Maler und Bildhauer Mathieu Molitor schuf die Bronzeplastiken am Eingang. Sie stellen Faust und Mephisto sowie zwei zechende Studenten dar. Betritt man den Keller, kommt man erst einmal in einen großen Gastsaal, den sogenannten großen Keller. Möchte man die historischen Weinstuben betreten, trifft man meistens an der Tür schon auf das leicht genervte Servicepersonal. Eine Besichtigung ist daher nur im Rahmen einer für Touristen aufgeführten Fasskellerzeremonie möglich oder während eines Essens in den anderen Gaststuben (Goethezimmer, Lutherzimmer, gehobene Preise). Im tonnengewölbten Fasskeller befindet sich das berühmte Fass und das in der Wand eingelassene Hauszeichen von 1530, ein Bacchusknabe. Noch ein paar Zahlen: 1529 war die Zahl der Einwohner Leipzigs auf 9000 Einwohner gestiegen, man zählte 155 Gewerbe und 247 Berufe (z.B. Differenzierung in Grob-, Klein-, Gold- und Messerschmied) Stromer von Auerbach (Biographie von der Website der Mädler-Passage) 1519 heiratete ein 37jähriger Hochschullehrer die Schwester seines Schülers Andreas Hummelshain, die gerade ihren Vater beerbt hatte. Der Bräutigam hieß Dr. Heinrich Stromer und stammte aus dem oberpfälzischen Auerbach, das südlich von Bayreuth, östlich des Pegnitz-Flüßchens und des fränkischen Jura liegt. Anna Hummelshain war keine schlechte Partie. Stromer erwarb auf Abzahlung die Anteile der übrigen Erben und konnte bald als alleiniger Eigentümer auf dem Waldheim-Hummelshainischen Hof, dem Vorläufer von Auerbachs Hof schalten und walten. Was ist nun über Dr. Stromer zu berichten? Er war ein hervorragender Kopf, aufgeklärt und freimütig. Mit 26 Jahren wurde er Rektor der Leipziger Universität. Da hielt er den Zeitpunkt für gekommen, den Namen Stromer abzulegen und stattdessen den Namen seines Geburtsortes Auerbach anzunehmen. In seinem Leben brachte er es zum kurfürstlich brandenburgischen, kursächsischen und erzbischöflich magdeburgisch-mainzischen Leibmedikus. Zu seinen Patienten gehörte auch der geistesgewaltige Humanist Erasmus von Rotterdam, den er mittels Fernkur von einem Bandwurm zu heilen suchte. Er ist auch der Begründer des anatomischen Instituts an der Leipziger Universität. Mit den führenden Intelligenzen seiner Zeit stand er in Verbindung. In einer Zeit, als Anhänger der Reformation sich der Verfolgung durch fanatische Katholiken aussetzten, nahm er sich Luthers mannhaft an und beherbergte ihn während der Disputation auf der Pleißenburg mit Dr. Eck. Nach dem Tode von Herzog Georg dem Bärtigen, einem erbitterten Reformgegner, hielt Luther in Leipzig eine Pfingstpredigt in der Thomaskirche, die Einführungspredigt zur Reformation im albertinischen Sachsen. Herberge fand er wiederum im Haus des Dr. Auerbach. Seit 1525 betrieb Dr. Stromer von Auerbach einen öffentlichen Weinschank im Hummelshainischen Hofe. Das Geschäft ging sehr gut. War doch die Lage ausgezeichnet. Die altehrwürdige europäische Handelsstraße Via regia kam von der Hainstraße her in die Stadt, um auf dem Markt in die Grimmaische Straße einzubiegen, an Auerbachs Keller vorbeizuziehen und sich in unmittelbarer Nähe mit der Reichsstraße, der Via imperii zu kreuzen. Das und der Erfolg der Messen, die nach der Verleihung des Reichsmesseprivilegs 1497 durch Kaiser Maximilian II. ihrer ersten großen Blütezeit zustrebten, ermutigten den weitblickenden Geschäftsmann zur Gründung von Auerbachs Hof anno 1530. Es entstand ein steinerner Neubau, wobei die alten Keller und unterirdischen Geheimgänge zumindest teilweise erhalten blieben. Diese Gänge führten höchstwahrscheinlich zu den Hintergebäuden am Neumarkt. Oder handelte es sich etwa um katakombische Schleichwege hin zur Universität, dem ehemaligen Dominikanerkloster, damit die Herren Professoren ungesehen zum Weinkeller des Kollegen hinüberschlüpfen konnten? Dem steht entgegen, dass die Uni erst 1544 das Klostergebäude vom Landesherren geschenkt erhielt. Ein Überrest des alten Geheimganges in Auerbachs Keller blieb erhalten, man nennt ihn heute Hexenküche. Der neu erbaute Auerbachs Hof wurde mit drei Giebeln bekrönt. Er erhielt 100 Messestände, Toiletten, ein Wachstüblein und eine Stallung für Frachtgäule. Der Weinschank lief bestens, bereits 1538 bestritt Stromer ein Drittel der städtischen Weinsteuer. Er zapfte den Wein natürlich nicht selber, sondern hielt sich einen Schankpächter. Das Leben des großen Arztes endete am 25. November 1542, nachdem er tags zuvor sein Testament unterschrieben hatte. Er hinterließ zwei Söhne und sechs Töchter. Bis 1781 blieb Auerbachs Hof in Familienbesitz. Danach wechselten die Eigentümer häufiger. Rundgang Standort 9 = Naschmarkt Verlässt man die Mädler-Passage, betritt man den Naschmarkt. Hier befanden sich früher die Garküchen der Stadt, es wurde mit Obst, Lebensmittel, Kleidung und Bier gehandelt. Sind im Winter die Sonnenschirme, Tische und Stühle der Mövenpick-Brasserie vom Platz weggeräumt, blickt man als erstes auf das Denkmal von Goethe, welches 1903 errichtet wurde. Es stellt den elegant gekleideten Goethe dar, welcher um 1765 als Student der Jurisprudenz von Frankfurt nach Leipzig übersiedelte. Er wohnte damals in der Großen Feuerkugel, Neumarkt 3. Als Freundinnen sind bekannt: Kätchen Schönkopf, Tochter eines Weinhändlers am Brühl, sowie Friederike Öser, Tochter des Direktors der Kunstakademie und Zeichenlehrer Goethes. Die Medaillons der beiden Fräuleins sind im Sockel des Denkmals angebracht, die Schritte Goethes führen ihn natürlich….in den Weinkeller von Auerbachs Hof. Die dahinter stehende Alte Börse (Bild Nr.27) wurde 1687 als erster Barockbau Leipzigs durch die Leipziger Kaufleute errichtet, es diente als Versammlungsgebäude. Im Erdgeschoss wurden Waren verkauft, im Obergeschoss wurden Wechsel- und Geldgeschäfte getätigt. Die Börse brannte 1943 vollständig aus, dabei gingen die wertvolle Stuckdekoration wie auch die Malereien verloren, die Renovierung wurde 1994 beendet. An der Westseite des Naschmarktes befindet sich die Mövenpick-Brasserie und das von Mövenpick betriebene Irish Pub „Podium“. Wer es im Academixer-Keller nicht geschafft hat ein Bier zu bestellen, kann es hier mit Guiness (schüttel…) oder Kilkenny (schon besser..) versuchen. Dazu gibt es an zwei Tagen Live-Jazzmusik und Erdnüsse -all you can eat. Die Erdnuss-Schalen werden auf den Boden geworden. Vor 10 Jahren war dieser Ort übrigens ein Kontakttreff sich einsam fühlender Wocheendpendler in schon gereifterem Alter. Ich habe dieses Lokal daher entweder nur in Begleitung meines GöGa oder zuverlässiger und gut verheirateter Kollegen betreten. Die Bilder von Herrmann Walter vermitteln einen guten Eindruck vom Naschmarkt, wie es hier zu Ende des 19.Jahrhunderts ausgesehen hat: Blick auf die Westseite, jetzt Brasserie Mövenpick (Bild Nr.28), Blick auf die Südseite, jetzt Zentralmessepalast und Mädler-Passage (Bild Nr.29) und Blick auf das Messetreiben in der Grimmaischen Strasse (Bild Nr.30). Rundgang Standort 10 = Altes Rathaus und Marktplatz Das an der Westseite des Naschmarktes gelegene Alte Rathaus (Bild 31) wurde 1556-1557 von Hieronymus Lotter in nur neun Monaten zwischen zwei Messen erbaut. Es entstand auf den Grundmauern des gotischen Vorgängers von 1230 (Richtung Alte Börse) und des alten Tuchhauses (Richtung Grimmaische Strasse). Durch Nutzung der alten Umfassungsmauern hat der Bau einen Knick, den man insbesondere auf der Marktplatzseite ganz gut erkennen kann. Im Obergeschoss befindet sich ein 11x43m großer Festsaal, die Ratsstube, eine Ausstellung über Bach und andere Ausstellungsstücke. Ich kann den Besuch nur empfehlen, allein der Blick auf die Gesichter der im Festsaal aufgehängten Porträts der Leipziger Stadtrichter ist schon beeindruckend. In der Bachausstellung gibt es Stühle, Kopfhörer und die Möglichkeit, sich Auszüge seiner bekannteren Werke anzuhören. Es sei daran erinnert, dass Bach hier 1723 seinen Anstellungsvertrag als Thomaskantor und städtischer Musikdirektor unterschrieben hat. In den nächsten zwei Jahren möchte ich da ebenfalls wieder hin, schon allein um mich auf die Suche nach den zwei Taubenschlag-Cranachs der Nikolaikirche zu machen. Das Alte Rathaus gilt auch nach mehreren Umbauten immer noch als eines der schönsten Renaissance-Rathäuser in Sachsen. 1672 wurde im Rahmen eines Umbaus die 200m lange Inschrift eingefügt, 1906 bis 1909 wurde wieder renoviert, umgebaut und die Arkaden eingefügt. Aus dieser Zeit stammt auch die Inneneinrichtung des Festsaales. 1943 brennen Dachgeschoss und Turm völlig aus, 1946-50 erfolgt der Wiederaufbau. Hieronymus Lotter wurde im Herbst 1497 als Sohn des Tuchhändlers Michael Lotter in Nürnberg geboren. Im Jahr 1522 kam er aus Annaberg nach Leipzig, im Jahr 1533 erwarb er das Bürgerrecht. 1546 leitete er unter dem Herzog von Sachsen Moritz (1521-1553) den Bau der Festungsanlagen von Leipzig. Im Jahr 1549 wurde er in einen der drei Leipziger Räte gewählt, 1551 wurde er zum kurfürstlich sächsischen Baumeister ernannt. H. Lotter plante und leitete den Bau einer Reihe repräsentativer Bauwerke in Leipzig: so u.a. die Alte Waage (1555), Erhöhung des Mittelturms der Nikolaikirche (1555), das Alte Rathaus (1556 / 1557) und die Pleißenburg (1549 / 1567). Im Jahr 1568 wurde er vom Kurfürsten von Sachsen August (I., 1526-1586) zum Oberlandbaumeister ernannt. Für ihn baute er 1567-1572 das Schloss Augustusburg in Schellenberg bei Flöha. Wegen des lang andauernden und teuren Schlossbaus sowie gelegentlicher Eigenmächtigkeiten verlor er jedoch die Gunst des Kurfürsten. Seit 1555 war er Bürgermeister der Stadt Leipzig; als regierender Bürgermeister wirkte er in den Amtsjahren 1555/1556, 1556/1557, 1558/1559, 1561/1562, 1564/1565, 1567/1568, 1570/1571 und 1573/1574. Lotter wurde zwar 1574 erneut zum regierenden Bürgermeister gewählt, vermutete aber, die erforderliche Bestätigung des Kurfürsten nicht mehr zu erhalten, und verließ Leipzig, nachdem er alle Grundstücke verkauft hatte. Er starb am 22.07.1580 im Alter von 82 Jahren auf seinem Lehngut in Geyer. Inschrift am Rathaus: Nach Christi unsers Herrn Geburth im MDLVI. Jahr bey Regierung des Durchlauchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herrn Augusti Herzogen zu Sachsen des H. Rom Ertzmarschall und Churfürsten Landgraff in Thuringen Marggraffen zu Meissen und Burggraffen zu Magdeburg etc. ist in dieser Stadt zu Befoerderung gemeinen Nutzens dieses Haus im Monath Martio zu bauen angefangen und dasselbe im Ende des Novembers vollbracht. Dem Herrn sey allein die Ehre. Denn wo der Herr die Stadt nicht bauet so arbeiten umbsonst die daran bauen. Wo der Herr die Stadt nicht bewachet so wachet der Wächter umbsonst. Des Herrn Name sey gebenedeyet ewiglich. Amen/ Bey Churf. Georg II Hochlöbl. Regierung renov. MDCLXXII Der 100x100m große Marktplatz (Bild 32) wurde 2004 für den Bau des City-Tunnels aufgerissen, dieser soll den Hauptbahnhof mit dem Bayerischen Bahnhof verbinden und für den S-Bahn-Betrieb genutzt werden. 2006 wurde der Platz vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft wieder freigegeben, zwei Baustellen befinden sich jedoch noch dort, da das Projekt erst 2010/2011 beendet sein wird. Das auf der gegenüberliegenden Seite zum Rathaus gelegene Messegebäude aus den achtziger Jahren wurde mittlerweile durch einen Neubau ersetzt. Also auch hier hat sich nach meinem Wegzug aus Leipzig eine Menge getan. An der Nordseite münden die Katharinenstrasse und die Hainstrasse auf den Platz. Dazwischen liegen folgende markante Häuser: Die Alte Waage (Bild 33, rechts) wurde, wie bereits erwähnt, 1555 durch Lotter errichtet. Alle Waren, die zur Messezeit in die Stadt kamen, mussten hier gewogen werden und der Händler hatten einen entsprechenden Zoll zu entrichten. Im Keller befand sich der Rathausschank, ab 1661 wurde dort das erste Leipziger Postamt eingerichtet. Im Krieg 1943 zerstört, wurde das Gebäude 1963 wieder neu aufgebaut. Dabei wurde die Marktfassade als Kopie des Vorgängerbaus gestaltet, den alten Treppenaufgang hat man jedoch nicht wieder errichtet. Vor der Wende war hier das Reisebüro der DDR untergebracht. Das Haus mit dem schwarzen Dach ist Baarmanns Haus (Bild 34). Es handelt sich um einen Neubau des 19.Jahrhunderts, welcher jedoch die Formen des spätgotischen Vorgängerbaus von 1502 detailliert nachbildet. Im Mittelalter war es das höchste Haus der Stadt, im Dach befand sich die Wohnung des Dichters Johann Gottfried Seume (1763 bis 1810). Das erst nach der Wende wieder aufgebaute Türmchen nennt man daher auch Seume-Türmchen. Die Wanderung nach Syrakus steht leider immer noch nicht fertig gelesen in meinem Bücherschrank, wer sich nur kurz über diesen Dichter und Abenteurer informieren möchte, dem empfehle ich www.seume.de, Auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes liegt das Königshaus (Bild 35). Es wurde 1706/1707 durch den Ratsmaurermeister Johann Gregor Fuchs für den Kaufmann, Gold- und Silbermanufakturier Andreas Dietrich Apel barock umgebaut und beherbergte als komfortables und repräsentatives Gebäude Zar Peter der I (1698) auf seiner Heimreise aus Holland. August der Starke und sein Gefolge nahmen hier Quartier und verprassten während der alljährlichen Messebesuche jedes Mal 30.000 Taler aus der Stadtkasse. Der Preußenkönig geruhte hier 1760/61 während des 3.Schlesischen Krieges (auch siebenjähriger Krieg genannt) erstmalig sein Winterquartier in Leipzig zu nehmen und von der Stadt die Bezahlung einer Summe von 1 Million Taler zu fordern. Diese Forderung konnte auf Vermittlung eines Berliner Kaufmanns auf die Summe von 800.000 Taler gedrückt werden. Offensichtlich hatte es dem Preußenkönig in Leipzig gut gefallen, denn 1762 traf die Stadt das zweifelhafte Glück eines zweiten Besuchs. Diesmal wurden 3 Millionen Taler eingefordert, welche nach zähen Verhandlungen wieder auf 1,1 Millionen Taler reduziert werden konnten. Aus dieser Zeit stammt der zynische Ausspruch Friedrichs des II: „Sachsen gleicht einem Mehlsack, der immer wieder stäubt, wenn man nur recht kräftig drauf klopft.“ 1813 flieht Napoleon aus dem Königshaus als die Völkerschlacht sich zu seinen Ungunsten wendet und kann sich mit Müh und Not aus der Stadt retten. Die ganze Stadt verwandelt sich nach diesen Tagen in ein einziges Lazarett. Bereits im dreißigjährigen Krieg (1618-48) musste die Stadt einen wirtschaftlichen Niedergang verkraften, nicht nur dass der Fernhandel zum Erliegen kam, ab 1631 wurde die Stadt 5x belagert und teilweise schwer zerstört. Der Krieg traf damals mit dem Zusammenbruch des Kupferbergbaus zusammen, einer weiteren wichtigen Geldquelle der Stadt. Durch die Wiederaufnahme des Handels, der Messen und vor allem durch ein sich rasch entwickelndes Manufakturwesen erholt sich die Stadt rasch, die alten Stadtbefestigungen werden niedergelegt. Es entstehen Promenaden und Barockgärten und in der Stadt wurde wieder fleißig und im barocken Stil gebaut (Alte Börse, Romanushaus, Katharinenstrasse). 1749 hat die Stadt wieder 30.000 Einwohner, 188 Gewerbe und 19 Manufakturen Manufaktur (Definition aus Wikipedia) Eine Manufaktur (von lat. manus - Hand, lat. factura - das Machen, die Herstellung) ist ein Betrieb in der Übergangsform vom Handwerk zur Fabrik. Manufakturen entstanden in Leipzig ab Mitte des 16.Jahrhunderts und wurden von privaten Unternehmern betrieben. Manufakturen entstanden auf zwei verschiedene Arten. Eine Entstehungsform ist die Zusammenfassung verschiedener Handwerke in einem Arbeitshaus, also beispielsweise die Schaffung einer Kutschenmanufaktur, in dem die zuvor eigenständigen Drechsler, Schlosser, Vergolder und andere zusammenarbeiteten. Die andere historische Entstehungsform ist die Zerlegung eines einzelnen Handwerks, wie das des Nadlers, in viele Einzeloperationen, die jeweils von einem Teilarbeiter verrichtet wurden. Die Manufaktur entwickelt in beiden Fällen die Arbeitsteilung mit höherer Produktivität ohne jedoch die handwerkliche Basis der Produktion zu überwinden. Der technische Fortschritt, den sie hervorbringt, beschränkt sich zumeist auf die Entwicklung neuer und die Verfeinerung bestehender Werkzeuge. Die Gründung von Manufakturen wurde z.B. durch Friedrich dem II. oder August dem Starken gefördert, da es damalige Wirtschaftspolitik war, teure Importe zu verringern und Exporte zu fördern (Merkantilismus). Rundgang Standort 11 = Barthels Hof Barthels Hof ist ein älteres Beispiel des Leipziger Durchgangshofes. Seine architektonische Geschlossenheit erhielt der Hof in mehreren Bauphasen ab Mitte des 18.Jahrhunderts. Als 1870 das Haus namens Goldene Schlange (Bild 36) von 1523 dem heute am Markt zu sehenden Gebäude (Bild 37) weichen musste, wurden dessen Erker geborgen und an der Rückfront wieder errichtet. Als kostbare architektonische Rarität erfreut er seit seiner Restaurierung 1995 (Bild 38) die zahlreichen Passanten. Die bereits in Auerbachs Hof beschriebenen Funktionalitäten eines alten Handels- und Durchgangshofes lassen sich hier wunderbar nachvollziehen, einschließlich der schön restaurierten Ladekräne auf dem Dach. Falls das Restaurant zu einer Pause ruft, empfehle ich aus meinem Lieblingsreiseführer (Zu Fuß durch Leipzig, Forum Verlag Leipzig)die Geschichte der zwei Schneiders aus Paris auf Seite 67ff. Rundgang Standort 12 = Barfussgässchen Tritt man am anderen Ende von Barthels Hof auf die Straße steht man im Barfussgässchen. Auf der linken Seite erblickt man die Traditionsgaststätte Zill’s Tunnel, auf der anderen Seiten ein wunderschön renovierter Jugendstil-Komplex mit dem Namen „Trifugium“, ein Beispiel für „architektonische“ Formen im Leipziger Jugendstil (Bild Nr.39). Das Gebäude wurde 1906 fertig gestellt, aufgrund der ungünstigen Bodenverhältnisse hat es eine zum Teil 2 bis 3 Meter starke Bodenplatte. 1996 erfolgt die komplette Restaurierung auch der Kriegsschäden. In dem Gebäude befindet sich die Osteria Don Camillo und Peppone. Hier habe ich zum ersten mal eine Pizza mit Parmaschinken und Rucola gegessen, seitdem meine Lieblingszusammenstellung. Überhaupt ist das Barfussgässchen in Verbindung mit dem in der Klostergasse gelegenem Paulaner und dem Barthels Hof die Fressmeile Leipzigs und der angesagte Treffpunkt insbesondere an lauen Sommerabenden. Schaut man rechts um die Ecke so erblickt man das Haus zum Coffeebaum (Bild Nr.40). 1693/1694 trafen die ersten Rohkaffeebohnen in Leipzig ein. Zehn Jahre nachdem die Türken vor Wien ihre Kaffeevorräte fluchtartig verlassen mussten, bemächtigte sich die Leipziger Bürgerschaft -von der Waschfrau bis zum Ratsherren- in kürzester Zeit des neumodischen Heißgetränkes. Da man zu seiner Zubereitung nur einen eisernen Tiegel (Rösten), einen Mörser und heißes Wasser brauchte, versuchte jeder Spelunkenwirt mit öffentlichem Ausschank ein Geschäft zu machen. Im Mai 1697 erließ daher der Leipziger Rat eine Verordnung. Den ungebührlich eingeführten Thee- und Coffeestuben sollte mit sofortiger Wirkung die Nahrung entzogen werden, weil deren Betreiber angeblich die Prostitution duldeten, in Wahrheit jedoch keine Steuern zahlten. Niemand scherte sich um das Verbot. Halb Leipzig schwelgte in Kaffeeschmäusen und schuf mit Kaffeevisiten und Kuchenorgien die Grundlage für eine neue Lebenshaltung. Das Klempnerhandwerk und die Zeugschmiede profitierten ebenfalls von der Kaffeomanie, indem sie die Kaffeemühle erfanden. Leipzig wurde in der ersten Hälfte des 18.Jahhunderts Deutschlands größter Kaffeemühlenproduzent. Nachdem im Siebenjährigen Krieg kursächsische Soldaten mit dem Spruch „..ohne Gaffee gönn’mr nich gämpfen“ vom Schlachtfeld verschwunden waren (den Marketenderinnen war offensichtlich der Kaffeebohnenvorrat ausgegangen) soll Friedrich der II. den Begriff „Kaffeesachsen“ geprägt haben. Im Jahr 1716 bemühte sich der Rat nochmals dem Wildwuchs der Kaffeetavernen zu begegnen. Alle Wirte wurden aufgefordert, schriftlich genaue Angaben über ihre bisherige Geschäftslaufbahn und -führung zu machen. Die Kaffeewirtschaften sollten in die städtische Gewerbesystematik eingebunden werden und endlich Steuern zahlen. Die Einhaltung der Gesetze sollte überwacht werden und die Kaffeeverfälschung durch unerlaubte Zusätze unterbunden werden. Ab 1720 erschienen die Kaffeehäuser dann als spezielle Form des Gastgewerbes im Leipziger Adressbuch, insgesamt 15-20 Kaffeestuben und -gärten in und vor der Stadt. Im Jahr 1900 waren es dann 100, davon 40 im Zentrum und an der Promenade. Die kontroverse Haltung zum Modegetränk Kaffee spiegelt die um 1734 von Bach komponierte Kaffeekantate wieder, in welcher Vater Schlendrian seinem Lieschen, die wie die meisten Leipziger Töchter zu den Kaffeeschwelgerinnen gehörte, diese Leidenschaft austreibe. Alle Drohungen sind vergeblich, nur die äußerste scheint zu wirken: Entweder Kaffee oder Mann. Lieschen aber betrügt den Vater, während er einen Schwiegersohn sucht, streut sie in der Bekanntschaft aus: Keine Freier kommt mir in das Haus Er hab es mir denn selbst versprochen Und rück es auf der Ehestiftung ein Dass mir erlaubet möge sein Den Coffee, wie ich will zu kochen Man sollte aber nicht glauben, dass es in dieser Zeit allen deutschen Bürgerstöchtern möglich war Kaffee zu trinken, Leipzig war in dieser Beziehung moderne Weltstadt. Insbesondere die Preußen hatten noch bis zum Tode Friedrichs des II unter erheblichen, marktregulatorischen Eingriffen zu leiden. Nach dem Siebenjährigen Krieg, den auch Preußen erst einmal wirtschaftlich verkraften musste, führte der preußische König hohe Luxussteuern auf Tabak und Kaffee ein. Auf dem Handel mit diesen Gütern wurde ein staatliches Monopol errichtet und an französische Pächter vergeben. Als danach der Schmuggel mit Kaffeebohnen blühte, durfte Kaffee nur noch in gerösteter Form verkauft werden und zwar nur in königlichen angelegten Rösterein. Dadurch behielt man die Übersicht, denn wollte ein Hausherr oder Wirt die geschmuggelten Bohnen brennen, verriet sofort der Duft der Röststoffe das ungesetzliche Handeln. Zur Überprüfung setzte man ehemalige Soldaten des Siebenjährigen Krieges ein. Diese sah man nun in Stadt und Land herumvisitieren, mit Krückstock, Dreispitz, Zopf und Montur, jeder ein kleiner König Friedrich - trotzdem ein wenig würdiges Bild. In Berlin, Breslau, Königsberg erregte es Erbitterung, Widerstand und Schlägereien als diese Gilde von „Kaffeeriechern“ in die Bürgerhäuser eindrang, Kochtöpfe hob, die Speisekammern durchschnüffelte und alle belästigte. Die Kaffeezölle und der Kaffeebrennzwang wurden in Preußen erst nach dem Tode Friedrichs des II durch seinen Nachfolger aufgehoben (Heinrich Eduard Jacob, Sage und Siegeszug des Kaffees,1934)., Einige der berühmtesten Leipziger Kaffeehäuser begegnen uns später in der Katharinenstrasse. Das Haus zum Arabischen Coffee Baum wurde 1718/1719 durch den Kaffeewirt Johann Lehmann renoviert. Sein plötzlicher Tod verhinderte die Eröffnung im ursprünglich geplanten Rahmen, die Witwe Lehmann führte jedoch das Haus mit der geerbten Konzession in wesentlich bescheidenerem Rahmen 23 Jahre lang fort. Den Namen erhielt das Haus von einer Sandsteinplastik, welche um 1719 als Haus- und Firmenzeichen über der Eingangstür angebracht wurde. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Abfallprodukt aus dem Türkischen Garten in Dresden, als Bildhauer kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit der Permoser Schüler Johann Benjamin Thomae in Betracht. Stammgäste das Hauses waren u.a. der Literaturprofessor Gottsched, Goethe, Lessing, List und Schuhmann. Im Gegensatz zu den Häusern in der Katharinenstrasse war dieses Haus keine Nobeladresse, sondern blieb eher den Studenten vorbehalten. Am 02.11.1998 wurde das Haus feierlich wiedereröffnet, im 2. und 3. Stock befindet sich seither das Kaffeemuseum. Zum Abschluss noch ein paar wichtige sächsische Begriffe: Bliemch'ngaffee: der Blümchenkaffee enthält soviel Wasser, dass man bei einer gefüllten Meißner Porzellantasse das typische Dekorblümchen auf dem Grund erkennen kann. Ein sehr herzschonendes Getränk also. Muggefukk: "Moka faut" schrien die Franzosen, als Napoleons Truppen 1806 in Leipzig Einzug hielten. Es war ein Malz- oder mit viel Zichorie versetzter Kaffee. Dieser "Moka faut"- für die Sachsen viel zu schwer auszusprechen - hieß dann eben "Muggefukk". Grümmelgaffee: ein Begriff der Neuzeit steht für Kaffee, der nicht gefiltert wurde. Die gemahlenen Bohnen werden direkt in der Tasse mit kochend-heißem Wasser übergossen. Für Nichteingeweihte ist höchste Vorsicht geboten, dass Getränk ist brüllend heiß, daher verharrt man erst andächtig vor der Tasse, isst zuerst entweder sein Butterbrot oder seine Fettbemme und probiert anschließend vorsichtig ob das Getränk Trinktemperatur erreicht hat. Läuft man das Barfussgässchen bis zum Dittrichring steht man vor einem weiteren Exemplar eine wundersamen Auferstehung (Bild Nr. 41 und 42). Das Eckhaus war im Weltkrieg bis auf das Erdgeschoss zerstört worden. Bis 1991 war in dieser Ruine das Wettbüro untergebracht. Die Bauherren wollten diese Ecke ursprünglich durch einen Glaskubus ersetzen, ließen sich aber überzeugen, das Haus im alten Stil wieder herzustellen. Meines Erachtens eine äußerst glückliche Entscheidung. Über die Große Fleischergasse und die Passage des Jägerhofes (Große Fleischergasse Nr.11/13) kommt man in die Hainstrasse. Über die Passage Grosses Joachimsthal (Hainstr.10) kommt man in die Katharinenstrasse. Ich glaube mittlerweile sind der Worte genug gesagt, man sollte nur die Bilder der neu renovierten Häuser auf sich wirken lassen und nach Lust und Laune umherschlendern. (Bild Nr. 43 bis 48). Rundgang Standort 13 = Katharinenstrasse Tritt man auf die Katharinenstrasse, blickt man zuerst einmal auf den Glaskubus des Museums der bildenden Künste. Vor dem zweiten Weltkrieg stand hier ein einmal ein komplettes Stadtviertel mit zum Teil sehr prächtigen, barocken Bürgerhäusern. Nach dem Krieg befand sich hier der große, etwas zugige Sachsenplatz und das Touristeninformationszentrum. Der abgesetzte, kleinere, rote Kubus ist der Neubau des Museums für moderne Stadtgeschichte. Blickt man auf die verbliebene Häuserzeile der Katharinenstraße (Bild Nr.49 und 50) sieht man zur Rechten als erstes das barock-pompöse Romanus-Haus. Es wurde 1701-1704 durch Johann Gregor Fuchs für Conrad Romanus erbaut. Vergleicht man es mit der Alten Börse kann man nachvollziehen , dass dieses Gebäude den konservativeren Leipziger Kaufleuten ein Dorn im Auge gewesen sein muss. Als nach der Renovierung 1996 die Baugerüste abgebaut wurden, erstrahlte das Gebäude originalgetreu restauriert aber in seinen noch ganz frischen Farben. Knatsche-aprikot-rosa konkurrierte mit quietsche-dottergelb und obenauf zur Krönung das wieder neu erstandene Belvedere. Mittlerweile dürften sich die Farben wieder etwas abgedunkelt haben, aber damals empfand selbst ich den Anblick als eine, kleine Sensation und ziemlich gewöhnungsbedürftig. Der zweite Grund für die Leipziger Kaufleute lag in der Natur des Bauherren selber. Conrad Romanus, wurde von August dem Starken protegiert und durch diesen gegen den Willen des Leipziger Stadtrates als Bürgermeister eingesetzt. Für den Bau seines Hauses beschaffte sich Romanus 150.000 Taler durch gefälschte Wechsel. Der Betrug flog auf und der abgesetzte Bürgermeister verbrachte den Rest seines Lebens auf der Festung Königsstein. Ab dem Jahr 1772 befand sich in diesem Haus im zweiten Stock das Richtersche Coffeehaus. Einheimische und Fremde, bis zu 600 (!) Personen aus allen Nationen, die sich beinahe zerdrückten, hielten sich beim Kaffeewirt Georg Wilhelm Richter auf. Diesem Ansturm war er zur Messezeit nur gewachsen, in dem er eine Punschbowle Royal in riesigen Behältern bereithielt, die in der ebenerdigen Küche zubereitet worden war. Freimaurer (der Kaffeewirt war selbst einer), Revolutionäre, Kaufleute, Dichter gehörten zum internationalen Publikum. Regelmäßig zur Messe fanden sich Verlagsmenschen aus ganz Europa ein. 1792 tagte hier in drei angemieteten Räumen erstmals eine Buchbörse, aus der später der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hervorging. Daher an dieser Stelle ein paar kurze Stichworte zum Verlagswesen (Bild Nr.51): 1480 ließ sich in Leipzig der Wanderdrucker Marcus Brandis nieder, bereits um 1500 existierten in Leipzig 10 Offizine, 1650 wurde die erste Tageszeitung der Welt „die Einkommenden Zeitungen“ in Leipzig verlegt, die Buchdruckerei entwickelten sich neben der Kürschnerei zu den wichtigsten exportierenden Branchen der Stadt. 1756 schlossen sich 56 Verleger zur ersten deutschen Buchhandelsgesellschaft zusammen, 1825 wurde der Börsenverein der deutschen Buchhändler (Reclam, Baedecker, Insel, Brockhaus, Goldmann) gegründet, 1920 existierten in dieser Stadt 561 Verlage und 1059 in dieser Branche arbeitende Firmen, die 1704 gegründete Kunstakademie mit ihrem Direktor Adam Friedrich Oeser widmete sich daher auch insbesondere der Buch- und Schriftgestaltung. Das übernächste, gelb angestrichene, in den 80iger-Jahren renovierte Fregehaus wurde 1706/07 ebenfalls im barocken Stil, aber im Ergebnis wesentlich schlichter durch Johan Gregor Fuchs umgebaut. Die Bausumme betrug nach bester kaufmännischer Sitte circa 10.000 Taler. Es beherbergte von 1729 /43 das Zimmermannsche Kaffeehaus, dort übte das von Joahnn Sebastian Bach geleitete Collegium Musicum. Wahrscheinlich wurde hier auch die Kaffee-Kantate uraufgeführt. 1782 wurde es durch Christian Gottlieb Frege, dem Inhaber des vornehmsten und wichtigsten Bankgeschäftes der Stadt, erworben. Frege war seit 1754 Pächter der kurfürstlichen Münze und seit 1759 Ratsherr. Von der Katharinenstrasse kommt man in den westlichen Abschnitt des Brühls. Dieser wird beherrscht durch Wohnblocks in Plattenbauweise und der „Blechbüchse“ der Kaufhauses Horton. Der Spitzname rührt von der Aluminiumverkleidung des Gebäudes, die wie ich jetzt im Internet lesen durfte, denkmalgeschützt ist. Die Häuserzeile auf der gegenüberliegenden, südlichen Seite war als Kriegsfolge durch eine breite Baulücke unterbrochen, welche seit 1994 durch unterschiedlich gestaltete Häuser im historischen Parzellenschnitt wieder gefüllt wurde (Bild 52 und 53). Rundgang Standort 14 = Vor dem Bach-Denkmal Stadtführungen müssen bei mir mit einem musikalischen Thema enden, so sollte daher der Weg zurück über den Marktplatz zur Thomaskirche und dort zum Denkmal Johann Sebastian Bachs führen. 1723 hatte Johann Sebastian Bach im alten Rathaus seinen Anstellungsvertrag als Thomaskantor unterschrieben, er komponierte 1723 die Johannespassion, 1728 die Matthäuspassion und 1734 das Weihnachtsoratorium. Als er 1750 verstirbt, wird er - wie so manch andere berühmte Komponist auch- anonym auf dem Johannisfriedhof beerdigt, seine Frau hat kein Geld für den Grabstein. Bachs Werk war nun fast 100 Jahre völlig vergessen. Erst als Felix Mendelssohn-Bartholdy, Leiter des Gewandhausorchesters zu Leipzig, um 1830 den Mut hatte, die Matthäuspassion und das Weihnachtsoratorium von Bach aufzuführen, setzte die Bach-Renaissance ein. Aus dem Erlös dieser Konzerte ließ Mendelssohn 1843 das alte Bach-Denkmal in den Anlagen vor der Thomaskirche errichten. Plötzlich begann man sich für den großen Meister zu interessieren, und man fragte auch nach seiner Grabstätte. Niemand kannte sie genau. Überliefert war nur, dass sie sechs Schritte von der Südmauer der alten Johanniskirche entfernt sein sollte. Im Jahre 1894 wurde darum der Professor für Anatomie, Wilhelm His, beauftragt, nach den Gebeinen zu suchen. Mit Hilfe seiner Studenten gelang es ihm, an der vermuteten Stelle Gebeine zu finden, die mit dem verstorbenen Thomaskantor identisch sein mussten. Als vergleichende Unterlage diente dem Professor das einzig existierende Originalbild Johann Sebastian Bachs von dem Maler Elias Gottlob Haussmann, das im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen ist. Bach verfügte über eine überaus hohe Stirn und übernormal lange Mittelfingerknochen. Und diese Merkmale wurden tatsächlich an den Gebeinen gefunden. Um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, Bachs Ruhestätte zu besuchen, wurden die Gebeine in einer Gruft unter der Johanniskirche beigesetzt. Im gleichen Raum wurde auch der Sarg des Zeitgenossen Bachs und Lieddichters Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) untergebracht. Interessenten aus der ganzen Welt besuchten jährlich in großer Zahl diese Bach-Gellert-Gruft. Dies war möglich bis zum Jahre 1943. Nach einem schweren Bombenangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 blieb von Johanniskirche nur ein Turmrest übrig. Die Schuttmasse des Kirchenschiffes bedeckte die Gruft. Niemand konnte sagen, ob sie unter der Last des Schuttes zusammengebrochen war. Wie es nun dazu kam, dass die sterblichen Überreste Bachs noch vor seinem 200. Todestag ehrenvoll im Altarraum der Thomaskirche beigesetzt werden konnten, erzählt eine weitere Geschichte aus meinem Lieblingsreiseführer ab Seite 78. Vielleicht ist es jetzt Freitag 17:00 Uhr, dann eilt eine Gruppe junger Männer über den Vorplatz in die Thomaskirche, die älteren in dunklen Anzügen, die jungen in Jacken mit weiß eingefassten, großen Kragen. Dies wäre ein guter Zeitpunkt ihnen zu folgen und den anstrengenden Tag mit einer Motette zu beschließen. Jedes Internet-Dokument endet mit den AGB’s Diese Stadtbeschreibung ist eine persönliche Auswahl von Orten und Geschichten, die mich in Leipzig besonders beeindruckt haben. Die Auswahl ist und kann nicht vollständig sein. Die dazu verwendeten Quellen sind im Anhang aufgelistet, Jahreszahlen und historische Ereignisse sind nach bestem Wissen aus diesen Quellen herausgesucht worden. Ich bin jedoch kein ausgebildeter Historiker, sondern nur interessierter Laie, insofern fehlt mir die Fähigkeit der kritischen Bewertung und es kann sein, dass in der neueren Fachliteratur einige der geschichtlichen Ereignisse wieder neu und anders bewertet wurden. Jeden, der sich daher kritisch mit der Geschichte Leipzigs auseinander setzen möchte, kann ich nur herzlich dazu auffordern. Es lohnt sich, und es gibt sicherlich viele Leipziger, die das ebenso sehen. Ich habe mich in meinen Geschichten bewusst als „Wessie“ geoutet, nicht um die Gegensätze zu betonen, sondern die Gemeinsamkeiten. Jeder der nach der Wende in irgendeiner Weise in den neuen Bundesländern gearbeitet hat, musste vollkommen ungewohnte Eindrücke verarbeiten und dies war auch für „Wessies“ alles andere als einfach. Vielleicht weist meine Stadtführung und meine intensive Beschäftigung mit der Stadtgeschichte auf eine ziemlich wirksame Methode einer positiven Verarbeitung solcher Eindrücke hin. Aus ihr erwächst die Erkenntnis, dass jede Form subjektiver Wahrnehmung geschichtlicher Ereignisse nach ein paar Jahren durch eine objektivierte Geschichtsschreibung in den richtigen Rahmen gesetzt werden kann. Ich bin daher jedem Autor dankbar, der hierzu etwas geschrieben hat, es hat mir persönlich sehr weitergeholfen. Insofern erinnere ich mich gern an die Zeit in Leipzig zurück, ich liebe diese Stadt, auch wenn ich mich bei jeder Rückkehr mindestens einmal wieder verirre, da an irgendeiner Stelle der Innenstadt ein Gebäudekomplex mal wieder vollkommen neu umgestaltet wurde. AnnaMaria, 02.02.2007 Quellen: 1.Die Denkmale der Leipziger City, Leipziger Messe Verlag. 2.überarbeitete Auflage 2000 (bei Amazon erhältlich) 2.Niels Gormsen, Armin Kühne, Leipzig, den Wandel zeigen, 5.Auflage 2002, Edition Leipzig (bei Amazon gebraucht erhältlich) 3.Werner Heiduczek, Gerhard Hopf, Falk Brunner, Verfall einer Zeit, Beispiel Leipzig, Verlag Weidlich/Flechsig 1992 (bei Amazon gebraucht erhältlich) 4.Rose-Marie Frenzel, Wolfgang G.Schröter, Hermann Walter, 1862-1909 Fotografien von Leipzig, VEB Fotokinoverlag Leipzig, 1.Auflage 1988 (bei Amazon gebraucht erhältlich) 5.Lutz Heydick, Leipzig, historischer Führer zu Stadt und Land, Urania Verlag, 1.Auflage 1990 6.Hrsg.Rolf Weber, Mein Leipzig lob ich mir, Verlag der Nation, Berlin, 1.Auflage 1983 (zeitgenössische Berichte von der Völkerschlacht bis zur Reichsgründung) 7.Dr.Friedrich Schulze, Aus Leipzigs Kulturgeschichte, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1956 8.Heinrich Eduard Jacob, Sage und Siegeszug des Kaffees, Rowohlt, Berlin 1934 9.Horst Riedel, Chronik der Stadt Leipzig Wartburg Verlag , 1.Auflage 2001 (bei Amazon erhältlich) 10.Otto Künnemann, Martina Güldemann, Geschichte der Stadt Leipzig, Wartberg Verlag, 1.Auflage 2000 (bei Amazon erhältlich) 11. Zu Fuß durch Leipzig, Forum Verlag Leipzig, 1.Auflage 1996 (bei Amazon erhältlich, mein Lieblings- Stadtführer, da er so viele, gut erzählte Geschichten enthält) Bildnachweis: 1.Denkmale der Leipziger City 2.Leipzig den Wandel zeigen 3.Verfall einer Zeit 4.Hermann Walter 1.Vorstadt Grünau 31 79 2.Verfall einer Zeit 1 26 3.Verfall einer Zeit 2 45 5.Hauptbahnhof 130-133 38-39 253 (1912), 254 (1913) 7.Forum am Brühl 129 41 /Müller-Denkmal 8.Brühl alte Ansicht 44 (nicht datiert) 9.Nikolaistrasse 104 (1913) 10.Steibs Hof 138-139 11.Selters Hof 136 12.Oelsners Hof 141 13.Zeppelinhaus 140 143 (vor 1911) 14.Nikolaikirche 146-148 83 135 (1916) 15.Nikolaischule 144 80 16.Predigerhaus 145 81 17.Deutrichs Hof http://www.fotothek-mai.de/khmaireg-gal-5.html (1957) 69 (1880) 18.Specks Hof 114-117 75 19.Schumachergässchen 128-129 (1902) 20.Kaffeehaus Riquet 120-122 78-79 130 (1890) 22.Paulinerkirche 84-85 201 (um 1900) Bankhaus Kroch 154-155 73-74 23.Zentralmessepalast 110-111 72-73 24.Städtisches Kaufhaus 166-168 183 (um 1900) 25.Gewandhaus 198-199 (1885) 26.Auerbachs Hof 100-103 122 (122) Mädler/Passage 27.Alte Börse 108-109 90 (1903) 28.Naschmarkt 91 (1905), 108 (1875) 30.Grimmaische Strasse 187 (1905) zur Messezeit 31.Altes Rathaus 106-107 76 (um 1900), 84 (1905), 85 (1890), 86-87(1907) Marktplatz 10 77-81 (um 1890) 32.City-Tunnel (http://de.wikipedia.org/wiki/City-Tunnel_(Leipzig) 33.Alte Waage 12-13 58 77 (um 1890) 34.Barmanns Haus 11 58 mit Seume-Türmchen 35.Königshaus 104-105 36.Barthels Hof 16-17 56-57 70 (1871), 71 (1880), 74 (1863), 75 (1880) 39.Barfussgässchen 52-53 60 mit Trifugium 40.Haus zum Arabischen 55-57 Coffee Baum 41.Dittrichring 61 14-15 43.Hainstrasse aus der 46 Luft 44.Hainstrasse 20-26 48-53 49.Romanushaus und 122-127 35 111 (1903), 126 (undatiert) Fregehaus 51.Verlagswesen 159 (undatiert) 52.Brühl/Westseite 28-29 42-43 Thomaskirche 60-67 65 192-193 (1885)